
Ikkimels neues Album „Poppstar“ ist wechselweise Selbstermächtigung und Rachedelikt – und trifft einen Nerv.
Von Johannes Harder
Ikkimel weiß genau, was hier passiert: „Drop‘ nochmal ’ne Single und ganz Deutschland kriegt ’nen Steifen“, rappt sie auf ihrem neuen Album „Poppstar“. Und sie hat schon recht: Vom Berliner Technoclub übers Feuilleton bis in den feministischen Buchclub diskutieren jetzt alle mit – ist das Feminismus? Oder nur plumpe Rollenumkehr? Zuletzt zeigte auch Alice Schwarzer sich verwirrt und speiste die Berlinerin ab. Dann ruderte sie zurück und nannte Ikkimel in der EMMA „schlau und hochinteressant“. Was ist hier los?
Selbstermächtigend rappt Ikkimel auf stampfenden Technobeats von Drogen, Sex, Macht über Männer, und das macht gewaltigen Spaß. Auf diese Weise kann man es sagen. Oder ein bisschen anders. Es gibt da nämlich Tracks wie „Schere“, die so ausgiebig und ungehemmt in der Umschreibung sexueller Ereignisse schwelgen, dass während dieser effizient erzählten einer Minute und 47 Sekunden vereinzelt Flashbacks vom sogenannten Porno-Rap der Berliner Indizierungslisten-Legenden Frauenarzt und King Orgasmus One an einem vorbeiziehen: Die haben damals auch schon auf Miami-Bass- und Techno-Beats vom Ficken geredet. Als Die Atzen (Frauenarzt ist eine Hälfte dieses Duos) dann Anfang der 2010er-Jahre mit ihrem radiofreundlichen Ballermann-Techno-Rap-Gejaule gleichzeitig Kinderzimmer und Abiturabschluss-Besäufnisse infiltrierten, schwappte neben „Disco Pogo“und „Das geht ab (Wir feiern die ganze Nacht)“ natürlich auch eine Handvoll Porno-Rap in den Mainstream über.
Vieles davon besteht aus den immergleichen Macht- und Sexfantasien, die sich auch im Verlauf von Frauenarzts 25-jähriger Karriere nicht verändert haben: Wenn er wie aus der Zeit gefallen also zuletzt fordert: „Party-People sind im Haus / Zeig‘ die Nippel, zieh‘ dich aus“, dann ist Ikkimels Antwort: „Schere, Schere, Frauen ficken / Kein Schwanz kann uns beglücken / Lecken, reiben, Nippeltwist / Bisher hab’n wir kein’n Schwanz vermisst“. Das hat Power, weil die 808 die gleiche ist – die Attitude aber eine ganz andere: Wer braucht diese Typen eigentlich? Uns tun die armen Penner leid, die da von Ikkimel und ihrem Feature-Gast Pintendari beschrieben werden: „Zehn Jahre Sex, gebracht hat’s uns nichts / Sie war‘n arm und oft bekifft“. Ihr Urteil reicht dabei von Ablehnung bis hin zu Erniedrigung: „Wird mal wieder Zeit, dass ich ’nem Typen ins Gesicht piss‘“.
Wen interessiert es 2026 immer noch, ob das Feminismus ist? Summa summarum ist Ikkimels Fotzenrap ein Reclaiming, bei dem zwangsläufig über die Stränge geschlagen werden muss, um die Grenzen zwischen den Geschlechtern auszuloten. So wie im Track „Giftmord“: „Schon die Bibel lehrte uns, den Apfel zu vergiften / Ich will nicht, dass wir gleich sind, ich will Rache, du Mistkind“. So viel Fantasie ist ja wohl erlaubt: Die Texte des Porno-Raps sind immerhin materielle Realität. Aktuelle Zahlen zu sexuellen Übergriffen bis hin zu Femiziden in Deutschland sprechen für sich: 2024 erfasste die Polizeiliche Kriminalstatistik 53.451 Fälle sexueller Übergriffe an Frauen. 308 wurden ermordet. Viele davon dürften als Femizide gelten.
Was Ikkimel hingegen tut: Sie fantasiert. Sie nimmt sich den Raum und die Sprache, die Deutschrap für sie nicht vorgesehen hat. Das ist anstößig, manchmal repetitiv – und auch nach zwei Alben immer noch ziemlich unterhaltsam.