Verliebt, bis das Probeabo ausläuft


Kann das Liebe sein? "Codeburn" bei der Münchener Biennale. Foto: Frol Podlesnyi
Kann das Liebe sein? „Codeburn“ bei der Münchener Biennale. Foto: Frol Podlesnyi

Stripper-Aliens, eine Man Cave voller Orchideen, und ganz viel Sprite – das Musiktheaterstück „Codeborn“, mit dem die Münchner Biennale eröffnet, ist völlig überdreht. Genau das macht seine Auseinandersetzung mit Einsamkeit im KI-Zeitalter so spannend.

Nina Kiermayer

Das Nächstbeste ist Sprite. Nachdem sein Mädchen – eine KI-Puppe mit orangefarbenem Plastikhaar – ihn am Ende verlassen hat, muss die von Julien Horbatuk gespielte Figur „Spriteboi“ sich irgendwie anders Gesellschaft erfinden. Er wirft die geblümte Bettgarnitur von seiner Matratze und häuft um sich herum leere Getränkedosen zu einem Nest an. Es wirkt absurd und tragisch zugleich, als er singend fleht: „Sprite, bleib bei mir.“ Sie sei die einzige Hoffnung, die er noch hat.

Das empfindet er so, weil er in einem Versuchsaufbau gefangen ist. Seit vielen Tagen sitzt er auf einer runden Plattform fest, die sich immerzu dreht. Links und rechts krümmen sich ausfransende Gitter. Trotzdem wirkt sie zunächst wie eine kleine Oase: Auf einem Teppich aus Moos steht ein blütenweiß bezogenes Bett, das von Orchideen und Schilfgras umwuchert wird. Aber dann fällt der Müll auf: leere Pizzakartons, unzählige Softdrink-Dosen.

Die Plattform ist kein Paradies, sondern eine schmutzige Junggesellenbude, die sich der Mann ohne richtigen Namen schön geträumt hat. Sie wird als Schaukasten von einer KI benutzt, deren Ziel es ist, eine vollständige Kopie des menschlichen Gehirns zu erstellen. Ob sie aus eigenem Antrieb handelt oder beauftragt wurde, bleibt unklar.

Davon handelt das Musiktheaterstück „Codeborn“. Es stammt von der Komponistin Zara Ali und wurde in der Muffathalle uraufgeführt – ein solider Auftakt für die Münchner Biennale.

„Codeborn“ findet nicht nur auf der Plattform, sondern auch um sie herum statt. Dort tummeln sich in roten Lack gekleidete Gestalten. Sie erinnern wunderbar grotesk an eine Crew Alien-Stripper. Zunächst behalten sie aber ihre Kleidung an, marschieren stattdessen herum, beobachten den Mann und seine Puppe, die momentan noch reglos auf der Seite liegt. Sie scheinen Algorithmen oder irgendwelche anderen Bausteine zu sein, die zusammengesetzt das KI-Modell ergeben, mit dem Spriteboi sich herumschlägt.

„Veränderung kam mit einem Geräusch“, sagt eine Männerstimme aus dem Off. Dann gibt es keine Ruhe mehr. Zuerst ist da nur ein Brummen, das durch den Raum vibriert und das Gehirn angenehm durchschüttelt. Dann gibt es immer mehr zu hören. Gesang, Klirren, Fiepsen schallt durch die Luft und verbindet sich zu einer abstrakten Melodie. Alles ist so voll mit Musik – zuerst elektronisch eingespielt, dann von sieben Musiker:innen unter der Leitung von Hansjörg Sofka erweitert – dass man sich sofort überreizt fühlt.

Ausnahmsweise liegt darin ein Mehrwert. Man möchte sich fast selbst an den eigenen Kopf fassen, um zu überprüfen, dass darin, anders als in Spritebois Gehirn, niemand mit scharfen Geräten herumstochert. Deshalb ist es gut, dass die Inszenierung nur etwa eine Stunde dauert. Irgendwann wäre sie überfordernd geworden. Spriteboi scheint schon nach zehn Minuten alles zu viel zu sein. Zwei der Stripper-Aliens leuchten ihm wie bei einer Polizeikontrolle ins Gesicht. Es ist schmerzverzerrt.

Bis seine Puppe ihn (vorerst) rettet. Sie heißt Nur, trägt High-Heels und ist auf künstliche Art wunderschön. Keine Überraschung bisher. Männer bekommen andauernd heiße Frauenroboter zur Seite gestellt. Das war schon vor zwölf Jahren im Film „Ex Machina“ so.

Nur wacht auf, setzt sich breitbeinig an die Bettkante – eine Sexpuppe, bereit benutzt zu werden – und beginnt von Licht zu singen. Damit unterbricht sie das Herumgestochere der Aliens. Spriteboi legt seinen Kopf auf ihre Schulter und kann durchatmen. Er ist das Rhesusäffchen und sie die Mutterattrappe aus Stoff in einem Harlow-Versuch. Genau wie die KI-Companions, mit denen zahlreiche Menschen online ihre Zeit verschwenden, lebt sie nicht wirklich, aber zumindest gelingt es ihr, Gesellschaft vorzugaukeln. Wer verzweifelt ist, hat niedrige Ansprüche.

Nur wird von der Mezzosopranistin Lucy Altus gespielt. Man nimmt ihr ab, dass sie aus Plastik besteht. Sie posiert mit steifer Eleganz und versteinert immer wieder, legt sich flach auf die Matratze, aber streckt einen Fuß ästhetisch kuratiert in die Luft. Schaltet sie sich ab, zerbricht der Mann. Er schlägt mit einem ockerfarbenen Pantoffel auf den Minikühlschrank ein, den er als Nachttisch benutzt: „Mein Kopf hält das nicht mehr aus.“

Tut er doch. Die Experimente gehen weiter. Mit der Zeit scheint Spriteboi weniger unter seiner Situation zu leiden. Die Stimme aus dem Off ordnet ein: „Das Gehirn gewöhnt sich an Folter.“ Es sei in der Lage Wege zu entwickeln, das Unverarbeitbare zu verarbeiten – eine Metapher für die KI oder echte Traumata?

Je mehr Zeit vergeht, desto fester klammert sich der Mann an Nur. Er vermenschlicht sie immer weiter. Sie macht das Spiel mit: Zuerst setzt sie nur seine Brille auf, dann schlüpft sie in ein Graphic Tee auf dem Saruman der Weiße aus „Der Herr der Ringe“ zu sehen ist. Ihre Bewegungen werden weicher, lebendiger. Aber sie ist und bleibt eine Maschine. Als hätte der Mann nur ein Probeabo bezahlt, das jetzt ausläuft, verlässt sie die Plattform und er bleibt allein mit seiner Einsamkeit zurück. Also wendet er sich den Sprite-Dosen zu, die überall verteilt sind, und benutzt sie als Ersatz für Gesellschaft. Das scheint auf den ersten Blick unverhältnismäßig absurder, als eine Puppe lieb zu gewinnen, aber ist der Unterschied wirklich so groß? KI lebt nicht. „Codeborn“ stellt richtig fest: Eine Beziehung zu einem KI-Modell aufzubauen ist auch nichts anderes, als sich in eine leere Blechdose zu verlieben.


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