
Holen aus zu einem wohlwollenden Schlag ins Gesicht: die Leute vom Ensemble Phace. Foto: Frol Podlesnyi
Einsamkeit, Zärtlichkeit und Künstliche Intelligenz: Zara Alis „Codeborn“ feierte auf der Münchner Biennale Premiere. Das Musiktheater lässt uns teilhaben an einem gruseligen Prozess.
Von Johannes Harder
Zunächst ist da ein unbehagliches Knistern, als würden unaufhörlich Chipstüten aufgerissen. In der Mitte des Raumes: ein Paar auf einem Bett auf einer runden Anhöhe, ein Minikühlschrank und jede Menge Plastikpflanzen. Da liegt Guy (Bariton: Julien Horbatuk), ein einsamer Informatiker im T-Shirt, neben Nur (Sopran: Lucy Altus), in High Heels und Kleid und mit leuchtenden Haaren. Noch ist sie nicht erwacht: Guy will mittels KI-Technologie eine Partnerin für sich erschaffen – einen AI Companion. Im Folgenden wird Nur in Form einer frankensteinartigen Erweckungsfantasie zum Objekt eines unheimlichen Experiments.
Umzingelt sind die beiden vom „Ensemble Phace“ in sexy roten Lacklederanzügen an Keyboard, E-Gitarre, Cello, Kontrabass, Klarinette, Saxofon und Schlagwerk. Die formulieren den musikalischen Auftakt wie einen wohlwollenden Schlag ins Gesicht. Zara Alis Komposition „Codeborn“ kombiniert elektronische Klänge vom Band mit reich ausgestalteter Live-Kakophonie – das fühlt sich manchmal bedrohlich an, hier und da erratisch, nie vorhersehbar.
Das meiste von dem, was wir sehen und hören an diesem Abend, ist vielseitig interpretierbar. So auch die Rolle des Doll (Thomas Lichtenecker), dessen wunderschöner Countertenor über seine gruselige Rolle als KI hinwegtäuscht, die sich immer wieder wie ein Raubtier Guy und Nur annähert. Klar ist: Da ist eine diffuse Bedrohung in Rot, die dieses idyllisch inszenierte Bett umlauert. Immer wieder legt das Ensemble die Instrumente beiseite, schwingt in detaillierten Choreografien um das Paar, klammert sich insektenartig an die Lichtstäbe, die sie von Guy und Nur trennen; nur eine Armeslänge entfernt. Großartig sind die Gesänge, die sich jeglicher sprachlichen Verständlichkeit entziehen, wenn Doll und der Tenor Paul Schweinester nur Silben und Laute wiederholen, in die Länge ziehen, bis zur Erschöpfung nachvollziehen, als würden sie sich gleich zu Worten formen: Psssst, Gischt, Ziehst, Krak. Es ist, als gäbe Ali uns einen auditiven Einblick in den Lernprozess dieses Large Language Models, das unter Anstrengung versucht, Sätze zu formen und Instrumente zu spielen und doch immer nur in Dissonanz mündet.
Einer moralischen Bewertung von KI entzieht sich die Regie (Florentine Klepper, Deva Schubert) dabei. Die Komponistin Ali merkt an: „Ich erhebe nicht den Anspruch zu entscheiden, was wir mit Künstlicher Intelligenz tun sollten oder was daran richtig oder falsch ist.“ Am Beeindruckendsten in „Codeborn“ ist dahingehend eine Szene im letzten Drittel: Langsam wird Doll vom Ensemble aus seinem roten Anzug gelöst, umständlich entkleidet. Völlig nackt nähert er sich Guy, der auf dem Bett liegt. Schritt für Schritt nistet sich Doll neben ihm ein wie ein Parasit. Was Guy zuvor lediglich beobachtet hat, dringt jetzt in seine Intimsphäre vor. Im Alltag benutzen wir KI mittlerweile ganz nebenbei. Wir merken kaum den Unterschied, da sie nicht mehr Teil der Außenwelt ist – sondern mit uns im Bett liegt.