Frauen bauen


Frankenstein in Zeiten der künstlichen Intelligenz: "Codeburn" bei der Münchener Biennale. Foto: Frol Podlesnyi
Frankenstein in Zeiten der künstlichen Intelligenz: „Codeburn“ bei der Münchener Biennale. Foto: Frol Podlesnyi

In 101 Tagen schafft sich ein junger Mann eine Partnerin mithilfe von künstlicher Intelligenz. Gelingt das und vor allem: gelingt ein Musiktheater darüber? Mit Zara Alis „Codeborn“ eröffnet die Münchener Biennale.

Von Clara Hofstetter

„Junger, alleinstehender Computer Scientist sucht seine Galadriel. Du solltest offen für Experimente und lange Nächte im Bett sein.“

So oder ähnlich könnte die Online-Annonce von dem nerdigen Computertypen aussehen, der vermutlich Bentho heißt, von Julien Horbatuk gespielt wird und sich von Sprite und Liefer-Pizza ernährt. Weil er entweder nie eine Anzeige aufgegeben hat oder sich auf dieses unwiderstehliche Angebot einfach niemand meldete, erschafft er sich kurzerhand selbst eine Frau. Sein T-Shirt zeigt Gandalf, den Zauberer, und vielleicht fühlt er sich so, als er sein Experiment beginnt. Mutig und allmächtig.

Die Frau (Lucy Altus), die er kreiert, sieht exakt so aus, wie man sich die weibliche Wunschprojektion eines einsamen Mannes vorstellt: rotblondes langes Haar, rote Lippen, schulterfreies Kleid, kurvig an den richtigen Stellen, schwarze High Heels, hohe Strümpfe.

Willkommen bei „Codeborn“, der Eröffnungsinszenierung der diesjährigen Münchener Biennale, geschrieben und komponiert von der Amerikanerin Zara Ali und uraufgeführt in der Muffathalle. Das Festival für neues Musiktheater feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum und hat sich für den Auftakt ein Stück ausgesucht, das die ganz großen Themen der Zeit behandelt: künstliche Intelligenz, männliche Einsamkeit und Spaßgetränke – Relevanz aufsteigend.

Die Bühne dreht sich, weil sich Bühnen in solchen Inszenierungen immer drehen. Mittig platziert steht ein großes Doppelbett, in dem das ungleiche Paar eine Art Tanz aufführt, wenn die weibliche Kreation gerade mal wach ist. Die sexuell aufgeladene Stimmung zeigt sich aber nicht nur in diesem Betttanz, sie wird auch von roten Latexanzugmenschen aufgenommen, die um das Bett herumstreunen, sich gegenseitig ausziehen, wieder anziehen, Schreie ausstoßen, manchmal unverständliches Zeug singen und als Live-Band unermüdlich an einer Atmosphäre arbeiten.

Unter der musikalischen Leitung von Hansjörg Sofka klingt das mal nach dystopischen Außerirdischen, mal nach abgedrehter After-Party. Wahrscheinlich verkörpern diese Latexwesen die künstliche Intelligenz; in dem Fall kann man sich künstliche Intelligenz dann wie die letzten Gäste einer Berliner Technoparty vorstellen.

Bentho erzählt zu Beginn bedeutungsschwanger vom sogenannten No-Cloning-Theorem. Vereinfacht gesagt besagt es, dass sich ein Quantenzustand nicht exakt kopieren lässt, ohne sein Original, in dem Fall Bentho selbst, dabei zu zerstören. Er denkt über das Gehirn als große Frage nach und in seinem Monolog entsteht das, was man sich erhofft hat – Nachdenken über die eigene Existenz und Originalität.

Später verliert sich das Ganze zunehmend in wirren Nebenhandlungen, einer fünfzehnminütigen Hymne auf Sprite und gewichtigen Choreografien der Latex-KI-Truppe deren Sinn sich einem

möglicherweise erschließt, wenn man Physikerin, Informatikerin oder Neurologin ist. Mehr Feminismus wäre wünschenswert gewesen, gerade von Regisseurinnen wie Florentine Klepper und Deva Schubert . Dass die KI-Frau irgendwann ihr enges Kleid gegen ein Herr-der-Ringe-Shirt austauscht, die High Heels aber anbehält, reicht dafür nicht. „Nur“ ist ihr Name und das bleibt sie im wörtlichen Sinne auch.

Die eigentliche Frage ist aber doch: Warum erschafft ein junger Mann heute lieber eine geklonte, unechte Frau, deren Existenz ihn am Ende das Leben kosten wird, anstatt sich einfach auf Hinge anzumelden?


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