
Von wegen Mode ist, was schmeichelt. Dieser Hose ist alles egal.
Von Clara Hofstetter
Diese Hose hat viele Namen und noch mehr Kritiker. Sie wird Haremshose, Balloon Pants, Sarouel, Aladinhose, „Genie Pants“ – nach dem Flaschengeist, ja – oder, von besonders abgeneigten Stimmen, schlicht Clownshose genannt. Man findet die voluminöse Pluderhose, die an Taille und Fessel eng anliegt und dazwischen tut, was sie will, entweder völlig stilwidrig oder besonders stilvoll. Wie auch immer die eigene ästhetische Meinung ausfällt – die Hose hat eine lange Geschichte hinter sich und eine absolute Daseinsberechtigung.
Schon das Wort ist herrlich: Die Pluderhose bauscht, flattert und schlägt Falten. Erstmals dokumentiert ist sie um 1550 bei den Landsknechten des sächsischen Kurfürsten, wo breite Stoffstreifen aus einer noch breiteren Futterhose hervorquollen. Interessanterweise hat sie also militärischen Ursprung und war eher Uniform als Mode. Kurfürst Joachim II. von Brandenburg störte sich offenbar an ihrem Aussehen und verbot sie kurzerhand. Besonders hartnäckigen Trägern ließ er als öffentliche Demütigung den Gürtel durchtrennen.
Ihre weitere Geschichte ist eine Abfolge gut gemeinter Anläufe. Mitte des 19. Jahrhunderts griff die Frauenrechtlerin Amelia Bloomer das Konzept auf und heraus kam die „Bloomers“. Die Inspiration kam aus der Türkei; die weite, an den Knöcheln gebündelte Hose schien ihr das richtige Mittel gegen abschnürende Korsetts. Ähnlich trugen amerikanische Feministinnen wie Elizabeth Smith Miller die „Pantaloons“. Um 1900 versuchte die Mode die Pluderhose sogar als
Abendgarderobe zu etablieren. Nichts davon setzte sich durch.
Das Problem war immer dasselbe: Diese Hose schmeichelt fast niemandem. Die Modetheoretikerin Ingrid Loschek schreibt, ihre historische und ethnische Herkunft ließe eher an ein Faschingskostüm als an Mode denken. Was ist sie denn nun? Uniform, Kostüm – oder doch Mode?
Die Designerin Chemena Kamali schickte die Pluderhose für Chloés kommende Herbst-Winter-Kollektion auf den Laufsteg, Alaïa macht sie seit Saisons zum Schwerpunkt, und Oprah Winfrey erschien zuletzt in einer Ballon-Cargo-Hose auf der StellaMcCartney-Show in Paris.
Scheint, als wäre die Hose also doch Mode; und was sie so interessant macht, ist, was sie bedeutet. In Zeiten von Ozempic und Bodymaxxing, von Proteinmaxxing und ultraschmalen Silhouetten, von Körpern, die permanent optimiert und zur Schau gestellt werden, kommt die Pluderhose hinein, die all das nicht interessiert. Und das ist natürlich ganz toll.