Die Sonne war einst ein Kolibri


Bilderwelt einer tiefen mythischen Ordnung: „Xochiyaoyotl“ bei der Münchener Biennale. Foto: Frol Podlesnyi
Bilderwelt einer tiefen mythischen Ordnung: „Xochiyaoyotl“ bei der Münchener Biennale. Foto: Frol Podlesnyi

Eine Musiktheater-Inszenierung in Bruchstücken bei der Münchener Biennale: „Xochiyaoyotl“ erinnert an die ausgelöschte Kultur der Azteken.

Von Yannik Gschnell

Wie können Instrumente solche Klänge erzeugen? Diese Frage stellt sich in den ersten Minuten von Maximilliano Soto Mayorgas Musiktheater „Xochiyaoyotl“. Schon beim Eintreten in das Schwere-Reiter-Theater setzen Percussionist Daan Wilms und E-Gitarrist Johannes Öllinger den Ton für die folgende knappe Stunde. Spitze metallische Signale schießen durch den Raum und hallen lange nach, während die Percussions eine hintergründige Unruhe erzeugen, als würde ein Gewitter aufziehen. Nachdem der letzte Platz gefüllt ist, betreten Myriam García Fidalgo am Cello und Paula Häni an der Kontrabassklarinette die Bühne. Die Türen schließen sich, nun gibt es kein Zurück mehr.

Der erste Strich des Cellos schneidet scharf durch den ausverkauften Saal. Die Geräuschkulisse erinnert an einen Horrorfilm. Zwei Menschen in hautfarbenen Bodies und mit goldener Farbe im Gesicht betreten im Dunkeln die Bühne. Sie stehen sich gegenüber, angespannt in Kampfpose. Drohgebärdig stoßen sie kehlige Laute aus. Im Hintergrund befindet sich eine große Leinwand, auf der nach und nach suchende Augen aus dem Schwarz aufblitzen und schnell wieder verschwinden. Davor ist eine Mauer angedeutet durch zwei Ziegelgehänge aus Keramik. Wandernde Echsenkörper sind darauf projiziert. Dazwischen befindet sich, ebenfalls hängend, das Relief eines Reptilienkopfes. Im Vordergrund liegt ein Netz von runden Keramiken, das im Laufe der Aufführung das Highlight des Abends erzeugen wird.

Mit dem ersten harmonischen Ton erstrahlt auf der Leinwand ein Video der verglühenden Sonne in Nahaufnahme. Das Rot der Leinwand ist das einzige Licht auf der Bühne. Die Silhouetten der sich weiterhin gegenseitig bedrohenden Darsteller:innen Laure-Catherine Beyers und Johannes Wieners ergeben vor der strahlenden Sonne ein fast mythisches Bild. Scharf wie ein Schattenschnitt zeichnen sich ihre aufgerissenen Münder und herausgestreckten Zungen ab. In diesem Moment betritt Mathias Lachenmayr die Bühne und komplettiert das Ensemble.

Nach und nach fällt die bedrohliche Spannung der ersten Minuten ab. Das Stück öffnet sich zunehmend einer Welt aus Mythen: Sonne und Vulkan, Gott und Mensch, Kolibri und Wiedergeburt. Doch während die Bilderwelt der Inszenierung eine tiefe mythische Ordnung suggeriert, wirkt die Handlung selbst zunehmend beliebig. Auch die musikalische Untermalung verliert im Laufe der Aufführung an Stringenz. Je länger die Inszenierung dauert, desto mehr verliert sich die anfängliche Prägnanz der Klänge in einer fast schon beliebig wirkenden Harmonie. Die Musik scheint sich von der Performance zu lösen – als würde sie nur noch sich selbst begleiten. Das erste Drittel hatte den ganzen Raum in seinen Bann gezogen, doch mit jedem weiteren Akt blitzen Smartwatch-Displays im Publikum auf. Fünfzig Minuten können sich ganz schön lang anfühlen.

Doch nicht nur das Publikum stört die sakral anmutende Atmosphäre: Auch von Seiten der Produktion wird ein unbewusstes Störsignal gesendet. Da die Uraufführung von „Xochiyaoyotl“gleichzeitig im Livestream übertragen wird, leuchten mittig in der ersten Reihe die Displays des Kamerateams. Noch störender ist, dass sich große Teile der Performance nicht an das Publikum richten, sondern an die Linse. Mal agieren die Darsteller:innen für den Saal und dann wieder für die Zuseher:innen daheim. Das erzeugt eine seltsame Dissonanz in einer Arbeit, die so sehr auf die unmittelbare Wirkung in einem so konzentrierten Raum wie dem Schwere-Reiter-Theater setzen könnte.

Was bleibt von „Xochiyaoyotl“? Mehr Fragmente als eine stringente Erzählung. Das glühende Rot der Sonne, die goldenen Gesichter der Kämpfer:innen und das Netz der runden Keramiken. An Seilen Richtung Dach gezogen und durch Mathias Lachenmayr von unten in Schwung gebracht, klimpert und rauscht das keramische Geflecht. Sind es Schuppen oder Knochen, Fesseln oder Schmuck? Hier ist keine Auflösung nötig. Die Bewegung wandert von Welle zu Strudel, ehe das Netz endgültig in der Decke verschwindet. Maximiliano Soto Mayorga, Amauta García und David Camargo wollten mit ihrem Musiktheater an die ausgelöschte Kultur der Azteken erinnern. Die Erinnerung an die Rituale dieser vergangenen Zeit ist bruchstückhaft – „Xochiyaoyotl“ist es auch.


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