
Christiane Rösinger hat in „Die große Klassenrevue“ Erfahrungen realer Menschen zu einem stellenweise eindringlichen Theaterstück über soziale Ungleichheit ausgebaut. Klarer zugeschnitten hätte es vielleicht sogar noch mehr Sprengkraft gehabt.
Von Nina Kiermayer
„Mit viel Aufwand und viel Glück kommt ihr nach oben, Stück für Stück“, schallt es durch den Theatersaal der Münchner Kammerspiele. Dort wird im Rahmen des Spielart-Festivals Christiane Rösingers Stück „Die große Klassenrevue“ aufgeführt.
Eine Holzleiter steht breitbeinig in der Mitte der Bühne. Auf ihrer Spitze thront, elegant im Damensitz, der deutsch-vietnamesische Künstler und Performer Minh Duc Pham. Er trägt Jorts, darüber ein seitlich hochgerafftes, rotes Hemdblusenkleid – und ein überlegenes Lächeln. Seine Ohrringe funkeln im Scheinwerferlicht wie Wunderkerzen.
In diesem Szenario ist er einer der Glücklichen – Teil der Oberschicht. Er muss die soziale Leiter nicht mehr erklimmen, sondern kann sich auf seinem Status ausruhen und der Arbeiterklasse am Boden motivierende Parolen zurufen. Die wird von fünf weiteren Performer:innen repräsentiert. Christiane Rösinger, Sila Davulcu, Doreen Kutzke, Paula Irmschler und Andreas Schwarz stehen um die Installation herum und starren nach oben. Damit ist die Kerntruppe des Theaterstücks „Die große Klassenrevue“ vollständig auf der Bühne versammelt.
„Wie schwer kann’s schon sein?“, fragt jemand, und die Untenstehenden wagen sich an die Leiter heran, fangen an, in Zeitlupe theatralisch nach den Sprossen zu langen. Pham wirft erst Küsse, dann mit brutalem Gesichtsausdruck Felsbrocken aus Pappmaché, die seine Mitdarsteller:innen aus dem Gleichgewicht bringen. Sie stürzen einzelne Sprossen oder ganz herab und geben schließlich erschöpft auf, „weil den Status weniger die Leistung als die Herkunft bestimmt“.

Mit knappen, in sich geschlossenen Szenen wie dieser kritisiert „Die große Klassenrevue“ die soziale Ungleichheit zwischen Oberschicht und Arbeiterklasse in der (deutschen) Gesellschaft. Die Musikerin und Autorin Rösinger überzeichnet bewusst reale Missstände und problematisiert sie auf humoristische Art. Als Inspiration diente ihr Erwin Piscators „Revue Roter Rummel“. Das Stück wurde im Rahmen des Wahlkampfs der KPD 1924 uraufgeführt und sollte mit viel Unterhaltungswert kommunistische Ideen vermitteln – die Geburtsstunde einer revolutionären Arbeitertheaterbewegung der Weimarer Republik.
Wie für eine politische Revue charakteristisch ist auch „Die große Klassenrevue“ multimedial aufgebaut. Gesangsstücke wechseln sich mit klassischer Theaterperformance ab. Im Hintergrund spielt eine Live-Band (Lex Landergott, Paul Pötsch, Albertine Sarges, Izzy Ment), und manchmal werden Videoelemente wie zum Beispiel Schwarz-Weiß-Bilder aus einer Wildtierkamera eingespielt. Die Unterschicht als Beutetier im Raubtierkapitalismus?
Die Rahmenhandlung ist lose: Jede Szene untersucht auf ihre Art die Klassenverhältnisse. Manche sehr effektiv, andere wirken wie Platzhalter und verwässern den Punkt, den das Stück zu machen versucht. So auch ein Abschnitt gegen Ende der Aufführung. Die Performer:innen interpretieren die Bremer Stadtmusikanten neu. Esel, Hund, Katze, Hahn werden als Opfer des Klassismus inszeniert, die jetzt aufbegehren und eine Revolution anzetteln wollen. Dabei kommen Tiermasken aus bunten Lumpen zum Einsatz, die visuell beeindrucken. Aber inhaltlich trägt die Szene nichts Neues zum Stück bei. Sie sagt nur, dass Klassismus existiert, Leid erzeugt und deshalb abgeschafft werden muss. Das sollten die Zuschauer:innen mittlerweile begriffen haben.

Zum Schluss bricht dann tatsächlich eine Revolution aus. Umhüllt von künstlichem Rauch, nehmen die Darsteller:innen, wieder als sie selbst, das Set auseinander und stürzen die soziale Leiter um: „Wir sind alle freie Leute, und die Welt ist unsere Beute“ – kein sonderlich überraschendes Ende und ein konstruktives gleich zweimal nicht. Umsturz, ja gern, aber wie? Und sollte er nicht ein bisschen nuancierter sein? Es ist doch nicht zielführend, einfach nur das ganze System in Schutt und Asche zu legen. Was die Gesellschaft braucht, sind konkrete Veränderungen, die wirklich etwas verbessern.
Ein Highlight der Inszenierung ist die Gastdarstellerin Stefanie Sargnagel. Die österreichische Schriftstellerin und Kabarettistin und gute Freundin Rösingers tritt zunächst als personifizierte Neiddebatte und später, im Rahmen eines simulierten Fernsehinterviews, als Erbschamtherapeutin auf. Das Publikum kennt sie und reagiert laut und enthusiastisch, als sie, unter peppiger Warteschleifenmusik, das Setup aus zwei Stühlen und einem Whiteboard betritt. Mit ernsthaftem Blick und breitem österreichischen Dialekt verpackt sie echte Probleme komödiantisch. Sie erklärt, dass sie sich nur deshalb auf Erb:innen spezialisiert habe, weil diese, im Gegensatz zu Arbeiter:innen, reich genug seien, um sich hohe Therapiekosten leisten zu können, und die Zeit hätten, sich mit ihrer mentalen Gesundheit auseinanderzusetzen. Selbst sei sie nicht von Erbscham betroffen, denn sie stamme aus dem Arbeitermilieu. Das stimmt tatsächlich.
Alle Hauptdarsteller:innen von „Die große Klassenrevue“ kommen aus prekären Verhältnissen. Sie erzählen ihre Geschichten in Form von Songs. Im Hintergrund spielt die Live-Band simple Melodien, die gerade aufgrund ihrer Einfachheit Rösingers Texte tragen und ausgelassene Stimmung aufkommen lassen. So singt Sila Davulcu darüber, wie sie als Tochter türkischer Gastarbeiter:innen aufwuchs, und beschreibt den Leistungsdruck, der damit einherging. Ihr grüner Liedschatten schimmert im Bühnenlicht, während sie den Refrain „Ich bin ein Gastarbeiterkind. Das sind die Kinder, wo die Eltern Gastarbeiter sind“ in das Publikum spricht.
Darin liegt die Stärke von Christina Rösingers Stück. Es basiert auf den Erfahrungen realer Menschen, die unter Klassismus gelitten haben und ihn jetzt gemeinsam sezieren und kritisieren. Die Performer:innen sind der lebende Beweis dafür, dass Klassismus nach wie vor ein drängendes, gesellschaftliches Problem ist, das sich nicht wegrationalisieren lässt. Die Inszenierung kann als Aufruf – unter anderem an die deutsche Regierung – verstanden werden, aktiv Gegenmaßnahmen zu ergreifen.