
Timothée Chalamet spielt in „Like A Complete Unknown“ von James Mangold die Ikone Bob Dylan. Eigentlich sind das gute Voraussetzungen.
Von Merle Zils
Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie die ersten Töne eines wirklich guten Songs hören? Es kommt Vorfreude auf, vielleicht eine Erinnerung … doch dann – an dieser Stelle müssen Sie sich Ihr Medium der Wahl vorstellen, das Autoradio oder den Spotify-Algorithmus –, egal ob Sie den Empfang verlieren oder die Bluetooth-Verbindung: Der Song bricht ab. Sie bekommen nicht mehr als die Vorfreude auf den Song, ein paar schöne Noten. Es entsteht ein Eindruck, aber die ganze Kunst erschließt sich nicht.
„Like A Complete Unknown“ zeigt: Dieses Gefühl gibt es nicht nur bei Musik, sondern auch bei Musiker:innen-Biopics. Allerdings nicht auf die Weise, dass irgendetwas abbricht. Vielmehr in ermüdender Länge erzählt der Film eine Handvoll Jahre aus dem Leben Bob Dylans, in denen der an Berühmtheit gewinnt, seine politische Stimme findet und sich von der Folk- hin zur Rockmusik bewegt. Es sind entscheidende Jahre in Dylans Biografie. Eine gute Entscheidung also, sich auf diese zu fokussieren. Stellt sich nur die Frage, wie es der Film schafft, trotzdem an der Oberfläche zu bleiben?
Frauen? Sind nur hübsch anzuschauendes Beiwerk. Musikmachen ist hier Männersache
In sich immer wiederholenden, redundanten Szenen sieht das Publikum dem schönen, ja fast zu schönen Timothée Chalamet dabei zu, wie er melancholisch und grübelnd in die Kamera blickt – sowieso, das wissen wir spätestens seit „Dune“, eine seiner Stärken. Irgendwann überkommt einen das Gefühl, der Leinwand gerne entgegen schreien zu wollen: „Ja, er schreibt Songs, wir haben es verstanden!“ Und das scheint nur zu gehen, wenn er halb nackt, nachts oder wahlweise auch früh morgens mit schönen Frauen im Bett liegt. Und dabei bloß nicht die Zigarette vergessen!
Frauen sind generell ein großes Thema in dem Film. Aber nicht weil ihre Charaktere so toll ausgearbeitet wären, sondern weil der grübelnde Dylan sich nicht zwischen ihnen entscheiden kann. Vom Bechdel-Test müssen wir hier eigentlich gar nicht erst anfangen, aber lassen Sie es uns zu Veranschaulichungszwecken einmal probieren: Auch wenn es mehr als eine Frau gibt, sie führen keine tiefergehenden Gespräche miteinander, geschweige denn, dass es um etwas anderes als Männer gehen würde. Ergebnis: Durchgefallen! In diesem Film haben Gitarren und Zigaretten mehr Auftritte als Frauen, und wenn sie zu sehen sind, dann können sie nur traurig oder wütend schauen, selten sprechen und sind dabei natürlich wunderschön. Zugegeben, historisch gesehen hat Bob Dylan wohl fast ausschließlich mit Männern gearbeitet.

Aber seine langjährige Partnerin, im Film genannt Sylvie Russo (Elle Fanning), die seinen politischen Aktivismus geprägt hat, so eindimensional und zuweilen wie einen überdramatischen Teenager darzustellen, der gerne wegrennt, reproduziert zu viel gesehene Klischees.
Immerhin: Der Film bietet eine gute und spannende Einführung in die Folk-Welt. Und auch die musikalische Leistung muss gelobt werden, vor allem die von Chalamet, der unzählige Songs vor Live-Publikum performt, dafür jahrelang sowohl Gitarre als auch Mundharmonika spielen lernte und auch erstaunlich stark nach Bob Dylan klingt. Eine gewisse musikalische Magie kommt in der zweiten Hälfte des Films auf, wenn die Entstehung und Aufnahmen zu „Another Side Of Bob Dylan“ gezeigt werden. Da kauft man Timothée Chalamet den Dylan wirklich ab: die fancy Rockstar-Seite, mit schwarzer Sonnenbrille und schicken Anzügen. Während im Gegensatz dazu die frühen Jahre im Cordanzug mit Schirmmütze eher wirken, als würde sich Chalamet als armer Junge vom Land verkleiden. Vielleicht hätte es trotz oder gerade wegen all des Hypes um besagten Hauptdarsteller hier einen Newcomer gebraucht. Ein Gesicht, das weniger etabliert ist, das nicht mit rosa Outfits auf roten Teppichen und einer berühmten Freundin assoziiert wird. Bei all dem Rummel um Chalamet kann die Zuschauerin nicht anders, als ihn im Film zu sehen, anstatt den Menschen, den er verkörpert.
Die historische Realität? Muss sich den Hollywood-Vorstellungen von ihr anpassen
Was neben Timothée Chalamet das Bild des Films prägt: Sommer, und zwar irgendwie zu viel davon. Auch New York ist zu sauber, vor allem die Kneipen. Und sogar das Krankenhaus hat was Einladendes. Es könnte ein spannender Kontrast zur politischen Ebene sein, aber dafür geht deren Tragweite zu sehr unter. Es reicht nicht, ein paar Schwarz-Weiß-Bilder auf Röhren-Fernsehern zu zeigen und mal ein Radio laufen zu lassen. Stattdessen wirkt es, als hätte man in Hollywood Angst davor gehabt, zu politisch zu sein. Zeigt stattdessen lieber eine heile Welt, in der alles gut wird, wenn Bob Dylan an der Gitarre zupft. Das Nachsehen hat dabei die Realität der politischen Bewegung dieser entscheidenden Jahre und der Horrors des Krieges.
Aus der Masse an Musiker:innen-Biopics hebt sich dieses Exemplar weder durch Tiefe noch durch schauspielerische Leistung oder herausragende Kinematografie ab. Es ist ganz nett und mehr dann auch nicht. Letztendlich also keine große Überraschung, dass es trotz acht Nominierungen für keinen Oscar gereicht hat. Also bitte, lieber James Mangold, liebes Hollywood, zeigen Sie uns etwas Neues!