Es brennt!


Eine Zukunft? Für Tobias (Camille Moltzen) nicht in Sicht. Foto: Flare Film / Chromosom Film

„Mit der Faust in die Welt schlagen“, ein ostdeutsches Drama, kommt im April in die Kinos. Die Berlinale führte ihn nun bereits in der Rubrik „Perspectives“, in der internationale Debütfilme vorgestellt werden, vor – als einzigen deutschen Beitrag. Und zeigt: Berlinale kann doch ein bisschen politisch.

Von Merle Zils

Ein Feuerzeug. Ein Funke. Die erste Flamme fängt an zu lodern, steckt die nächste an. Flamme für Flamme. Sie züngeln. Mit enormer Hitze, zerstörerisch. Stück für Stück. Bis das ganze Haus lichterloh brennt. Es braucht keine große Explosion, keinen Lärm, keine Bombe, damit ein enormes Feuer wütet.

Ungefähr so fühlt es sich an, Constanze Klaues Debütfilm „Mit der Faust in die Welt schlagen“ zu sehen. Langsam und schleichend erzählt der Film die Geschichte der Familie Zschornack, vor allem aus der Sicht der beiden Brüder Philipp (Anton Franke) und Tobias (Camille Moltzen), zwölf und neun Jahre alt. Irgendwann Anfang der 2000er, irgendwo in der sächsischen Provinz. Zu Beginn eröffnet sich dem Publikum ein gewöhnliches Familienleben. Doch scheint durch die Kuchen-im-Garten-mit-den-Großeltern-Fassade immer wieder die Trostlosigkeit. Bis sie schließlich unübersehbar ist. Die Eltern sind überfordert mit ihrem eigenen Leben. So überfordert, dass sie nicht merken, was mit ihren Kindern passiert. Diese fahren gelangweilt mit dem Fahrrad durch die Gegend, während um sie herum Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Krankheit und Suizid wüten. Und dann sind da Menzel (Johannes Scheidweiler) und seine Freunde. Sie fahren mit dem Auto, darauf eine riesige Faust. Sie sind cool. Sie gehören zu „den Starken“. Sie zeichnen Hakenkreuze vor die Schule. Und Phillip darf mitmachen. Eine Flamme steckt die nächste an. Vom ersten Bier zu Schweineköpfen vor der Haustür der türkischen Nachbarn.

Im Kontrast zu farbenfrohen sommerlichen Bildern und malerischer Winterlandschaften ist die Grundstimmung bedrückend – still und einsam. Man braucht Geduld, muss die durchgängige Beklommenheit aushalten können. Die Angst, dass jederzeit etwas Schlimmes passieren könnte. Das Luft-Anhalten, wenn die Jungs mit einer Waffe hantieren oder böllern. Verzweifelt befürchtet man als Zuschauer:in den ganz großen Knall. Er kommt nicht und das ist gut so. Flamme für Flamme schauen wie der Radikalisierung der Kinder hin zu rechten Ideologien zu, bis es brennt. Der Film hat Mut zu Ehrlichkeit und Realität, anstatt auf cineastischen Wahnsinn zu setzten, und entwickelt darin seine eigene Sprengkraft.

All die ungeschönten Szenen, manche blutig, aber und das vor allem emotional. Wenn der neunjährige Tobias die Schuhe seines Vaters vor dem Haus der Nachbarin findet – mal wieder – und dann aufhört, die Absagen auf die Bewerbungen seines arbeitslosen Vaters zu verstecken. Sie tun weh.

In der Grundstimmung bleibt Constanze Klaue dabei an der Romanvorlage, bringt aber auch ihre eigene Erfahrung aus einer Kindheit in der ostdeutschen Provinz mit ein. Gegenüber dem MDR erzählt sie, dass das Haus der Zschornacks das Haus ihres eigenen verstorbenen Vaters ist.

Neben den idyllischen Landschaftsbildern prägen vor allem die Szenen aus eben diesem Haus das Gesamtbild des Films. Das Zuhause der Familie, so intim, zeichnet nicht nur in seiner physischen Form ein Bild von ihren Bewohner:innen, sondern liest sich als eine Metapher für deren Dysfunktionalität. Das Familienheim wird einfach nicht fertig, an jeder Ecke taucht ein neues Problem aus. Es geht immer darum zu reparieren, was akut ist, und die Toilette leckt dann halt weiterhin.

„Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist ein stiller Film, im besten Sinne. In dem Ungesagten, dem Unsicheren, liegt seine Kunst. So wird nur in einer Szene darüber gesprochen, ob Menzel und die anderen jetzt rechtsextrem sind oder nicht: „Die sind doch keine Nazis. Du hast doch auch geschrien: Hitler ist schwul.“ Heißt es von Phillip zu seinem skeptischen Freund.

Es ist ein zeitloser Film, der keine Klischees, ob Neonazi, Pegida oder AfD einfach reproduziert, sondern die Zuschauenden in eine persönliche Geschichte integriert und sie nicht mehr rauslässt. Und so ist der Alltag viel grausamer, als das Extreme je sein könnte.

Dabei vermittelt das Timing der Vorführung die Botschaft des Films noch dringlicher. Während im Bundestag über Annäherungen an die AfD debattiert wird, fordern die Menschen auf den Straßen Zusammenhalt. Während Extremisten rechte Hetzte verbreiten, braucht es eine starke Brandmauer. Denn es brennt – nicht nur im Film!


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