
Szene aus „crypt_“ bei Münchener Biennale. Foto: Frol Podlesnyi
Das Musiktheater „crypt_“ ist ein faszinierendes Wirrwarr an Ideen und Melodien. Und was für Ohrwürmer da drinstecken!
Von Johannes Harder
Der Künstler will mehr. Das Cembalo malträtierend, sehnt der einsame Protagonist (Countertenor: Sean Bell) von „crypt_“, welches an diesem Abend im Rahmen der Münchner Biennale Premiere feiert, sich nach mehr: mehr Inspiration, mehr Ruhm und Reichtum. Zum Glück gibt es da drei Adlige (Sopran: Peyee Chen, Tenor: Mathias Monrad Møller, Bariton: Halvor Festervoll Melien), die seinem Willen Folge leisten wollen. „You want more?“ – „Yes, please!“
Mehr, mehr, mehr! Da stimme ich zu. Als Zuschauer der ersten Reihe würde ich nämlich wirklich gern mehr von der Bühne sehen. Die ist stellenweise von drei großen Bildschirmen blockiert, auf denen ein Anime-Mädchen (Design: Kanji Okai, Akinari Kitayama, Kota Oebisu, Kei Ichikawa) singend immer wieder das Schauspiel unterbricht, ständig die gleichen Zeilen des Countertenors Sean Bell wiederholend, minutenlang. Dazu die wunderschön plätschernde, zuweilen klirrende Untermalung eines langhaarigen Ensembles (Oslo Sinfonietta), die existenziellen Fragen einer jungen Japanerin in einen Zauber hüllend: „What if my father finds my credit card bill?“ Die Darsteller:innen wuseln irgendwo dazwischen in ihren roten und schwarzen Gewändern (Kostüm: Ingrid Torvund) herum und haben große Zauberhüte auf. Bald erwische ich mich dabei, die Albernheit des Abends überwunden zu haben und fühle mich von der nervigen Schönheit dieser springenden Schallplatte eines Musiktheaterstücks verführt.
In der achten oder neunten Wiederholung des Kreditkartendilemmas schwellen Geigen (Karin Hellqvist und Emilie Lidsheim), Viola (Bendik Foss) und Cello (Ingvild Sandnes) zu ungeheuer hochfrequenter Dramatik an, variieren sich selbst immer wieder leicht und transportieren die volle wunderschöne Wucht dieser Wiederholungsneurose zielsicher an den immer noch nervigen Bildschirmen vorbei in das Publikum. In einer weiteren Variation verschieben sich die Jugendzimmerprobleme ins Abstrakte: „My girlfriend is not like me. It makes me feel worried but I like it.“ Was für ein Ohrwurm!
Zwischen langen Ausschweifungen in die Anime-Welt hangelt Komponist und Texter Yuri Umemoto sich an der japanischen Sage des „Hoichi ohne Ohren“ entlang: Hoichi spielt die Biwa (das ist so ähnlich wie ein Banjo) und lässt sich von einer Gruppe Adliger, die sich als Geister herausstellen, verführen. Bevor er von einem Mönch gerettet werden und eine Karriere als musikalischer Superstar einschlagen kann, verliert er allerdings seine Ohren.
Lose verwebt Umemoto verschiedene Erzählansätze, die auch vom funkelnden Libretto (Gareth Mattey) nicht zusammengehalten werden wollen: Da schauen wir unserem Helden am Cembalo beim Träumen über die Genialität von Bach zu; wir analysieren seine Kafka-artigen Vaterkomplexe mit ihm; wir beobachten seinen Assimilationsprozess – den stetigen Versuch, bei den Geisternals „echter Japaner“ durchzugehen, um sein leidiges Europäerdasein abzustreifen; wir lauschen einem Faust-ähnlichen Pakt mit jenen Geistern, die ihm „Mehr, mehr, mehr“ versprechen. Das Dilemma dieses Deals bleibt unklar, so wie das meiste an diesem Abend. Was für ein schillernd süßer, überflüssiger Spaß!