Nackt in den Tod


Jede und jeder tanzt zu einer eigenen Melodie in „ENDLICH“ bei der Münchener Biennale. Und dennoch ergibt sich ein Ganzes. Foto: Nancy Jesse
Jede und jeder tanzt zu einer eigenen Melodie in „ENDLICH“ bei der Münchener Biennale. Und dennoch ergibt sich ein Ganzes. Foto: Nancy Jesse

Das Musiktheaterstück „ENDLICH“ von Asia Ahmetjanova predigt bei der Münchener Biennale weniger Scham im Alter. Die Bilder sind mitunter sehr explizit, aber notwendig.

Von Nina Kiermayer

Überall schwingt Fleisch. Vier männliche und drei weibliche Körper tanzen nackt durch den Raum – jeder zu einer anderen Melodie, die sie aus Kopfhörern hören.

An Nacktheit hat man sich als routinierte:r Theaterbesucher:in bereits gewöhnt. Sie wird mitunter inflationär gebraucht, vielleicht um Provokation zu erzeugen, vielleicht weil der Regie nichts anderes einfällt.

Aber im Musiktheaterstück „ENDLICH“, das bei der Münchener Biennale seine Uraufführung feierte, hat sie einen Twist: Alle Menschen, die da in sich versunken über die ebenerdige Bühne wirbeln, sind alt. Ihre Körper sehen knittrig aus, Brüste hängen, die Haare sind meistens grau. Trotzdem scheinen sie sich nicht zu schämen. Ein hagerer Mann stürmt zu Tina Turners „The Best“ durch den Raum und singt atemlos mit, ein anderer hält seine Arme wie beim Partnertanz ausgebreitet und schwebt im Kreis.

Das Publikum sieht alte Menschen, die sich nicht davon einschüchtern lassen, dass sie in einer Gesellschaft leben, die Jugend auf ein Podest stellt. Sie verstecken sich nicht, sondern leben mit aller Kraft – ein mutiges Bild, das wohl eindringlichste der Performance. Es stammt von Franziska Angerer, die gemeinsam mit der Komponistin Asia Ahmetjanova „ENDLICH“ erarbeitet hat. Angerer führte die Regie und war an der Entwicklung des Konzepts beteiligt.

Langsam legt ein Musikensemble unter der Leitung von Leonard Weiß sakral anmutende Klänge über die Szene, baut sie auf, bis Gesang von oben alles übertönt. „Das Leben bestimmen wir!“, brüllen drei gewaltige Figuren, die wie Steinwächter um die rechteckige Spielfläche positioniert sind. Sie stehen auf Plattformen, die an Hochsitze erinnern, von denen aus Jäger äsende Rehe beobachten. Ihre Körper sind in halb durchsichtige Stoffbahnen gehüllt, die außen an den Hochsitzen herab bis zum Boden fallen. So inszeniert erinnern sie an biblisch akkurate Engel, die Macht über die Menschen unter ihnen haben.

Die Plattformen sind durch ein Netz aus grauen Spanngurten untereinander und mit der Decke der Freiheitshalle verbunden. Daran baumeln Drahtsäcke, die mit dicken Lehmklumpen gefüllt sind. Als die Wesen laut und besitzergreifend sprechen, durchtrennen sie gleichzeitig einen Gurt, pardon, einen Lebensfaden. Lehm knallt auf den Boden.

Das bedeutet: Ein Mann ist gestorben. Denn die Wesen sind keine Engel, sondern Nornen: Urd, Werdandi und Skuld. In der nordischen Mythologie leben sie am Fuß des Weltenbaums Yggdrasil und bestimmen dort über das Schicksal der Menschen.

Lebensfäden zerschneiden sie eigentlich nicht. Dieses (mittlerweile doch recht verbrauchte) Bild wird eher mit den griechischen Moiren in Verbindung gebracht. Klotho spinnt den Lebensfaden, Lachesis bestimmt seine Länge und Atropos durchtrennt ihn. Aber gut. Mythologien sind wie Kletterpflanzen, überall ineinander verwachsen. Man muss es mit den Details also nicht übertreiben.

Der tote Mann setzt sich auf einen Stuhl und hört auf sich zu bewegen. Um ihn herum greifen faltige Hände nach Lehm. Damit bauen sie seine Füße ein, setzen ihm einen Hut und Schulterpolster aus Dreck auf – noch eine Anspielung. Diesmal besonders hübsch. In der nordischen Mythologie heißt es, dass die Nornen Yggdrasil pflegten, indem sie feuchtem Lehm aus einer Quelle schöpften und auf seinen Stamm strichen. Mit diesem Hintergrundwissen wirkt die Geste wie ein liebevolles Abschiedsritual.

Urd, Werdandi und Skuld durchtrennen einen Lebensfaden nach dem anderen. Dazwischen rühren die alten Körper wie Kinder im Lehm, bauen sich Masken, spielen Fangen – Ein Aufruf dazu, sich im Alter Neugier, Spieltrieb, etwas Kindliches zu bewahren. Bis ans Ende in vollen Zügen zu leben, auch wenn einen die Gesellschaft dafür schräg anschaut.

Eine Frau formt Lehm zu einem erigierten Penis und setzt ihn auf ihren Unterleib. Ein Mann gräbt eine Mulde und bewegt sich darüber, als würde er sich selbst befriedigen. Auch das ist ein neues Bild. In Filmen, Serien und Büchern ist Sex meist jungen Menschen vorbehalten. Gesundes Begehren im Alter bekommt man dagegen kaum zu sehen, schon gar nicht explizit. „ENDLICH“ wählt einen anderen Weg und hält ganz bewusst mit der Kamera drauf. Das muss man nicht mögen, aber Sexualität verschwindet im Alter nicht unbedingt und es ist ungesund, so zu tun als ob.

Natürlich sitzen irgendwann alle tot auf Stühlen. Ganz zum Schluss wird auch der Lebensfaden der Inszenierung durchtrennt. Ein letzter Klumpen Lehm kracht herab und löscht das Licht.


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