
Bei der Münchener Biennale verknüpft „Hidden Heartache“, einer Zusammenarbeit hörender und tauber Künstlerinnen, Ton mit Bild, Emotion mit Bewegung, Licht mit Krach.
Von Bennet Leitritz
Sehen
Vier Darstellerinnen befinden sich auf der Bühne. Der Zuschauerbereich bleibt ebenfalls hell, und alle vier begeben sich in einen Bewegungsablauf, der sich immer wiederholt. Eine Darstellerin macht einen Buckel und faucht wie eine Katze, eine setzt sich ans Klavier, spielt ein paar Noten, geht wieder.
Doch wie bei einem Wimmelbild, bei dem es immer wieder Neues zu entdecken gibt, verändern sich die Handlungsabläufe ständig, mal bei der einen, mal bei einer anderen. Die Kostüme der Darstellerinnen sind geradezu alltäglich, nur haben alle außer der Pianistin Simone Keller Streifen auf ihren Klamotten. Ein Flügel wird immer wieder an eine andere Stelle geschoben, und vier Monitore übertragen Sounds in Wellenformen zum Ansehen.
Und als man sich gerade an das Treiben gewöhnt hat, setzt sich die Pianistin an den nun in der Mitte stehenden Flügel. Das Licht geht aus. Spotlight.
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Das Ganze geschieht im Rahmen der Münchner Biennale im HochX Theater. „Hidden Heartache“ ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit hörender und tauber Künstlerinnen, die nicht versuchen, die beiden Welten miteinander verschmelzen zu lassen, sondern sie nebeneinander stehen, manchmal fast kämpfen lassen. Ausgangspunkt dafür ist Simone Kellers gleichnamige Publikation, die 100 Minuten Klaviersounds mit Essays zu sozialer Ungleichheit in der Musikgeschichte kombiniert. Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Disziplinen und Auseinandersetzung mit Benachteiligung gehören also von Anfang an zur DNA des Stücks.
Zwei hörende und zwei taube* Darstellerinnen bestimmen das Geschehen, drei Tasteninstrumente erzeugen eine Klangkulisse, die aber fast immer in andere Sinneseindrücke umgewandelt wird. In Licht, wenn Glühbirnen, die von der Decke hängen, rhythmisch anfangen zu leuchten. In Bewegung, wenn die Intensität von Simone Keller am Flügel höher wird und sich die drei übrigen Darstellerinnen zuckend auf dem Instrument räkeln.
Hören
Zum vielleicht ersten Mal denkt man im Publikum mit darüber nach, wie anders die Performance wäre, wenn man sie nicht hören könnte. Es sind gewissermaßen zwei Stücke in einem, eins mit, und eins ohne Ton. Wenn die musikalischen Inhalte nicht in eine andere Form übersetzt werden, spalten sich diese weiter voneinander ab. Wenn Keller mit einem Schwamm über die Saiten des offenen Flügels kratzt, erzeugen gerade die schiefen metallischen Töne eine geradezu horrorfilmartige Atmosphäre. Als sich Eli Cohen und Kassandra Wedel langsam in den Arm nehmen und anfangen zu lachen, stecken sie einige im Publikum damit an, ein leichtes Kichern verbreitet sich im Raum. Als Lua Leirner dazukommt und die drei zu einer Art Gestalt mit sechs Armen werden, quietscht ein Kind im Publikum kurz auf.
Zwischendurch hören die Monitore auch auf, die Musik in Wellenform zu übertragen, um Bilder von Glühbirnen zu zeigen. Und wie sehr man die Musik nur durch ein digitales Auf- und Abbewegen mitbekommt, ist sowieso eine ganz andere Frage.
Nicht hören
Dafür kommt „Hidden Heartache“ komplett ohne Sprachbarriere daher. Die Inszenierung kommt ohne Worte aus, irgendwie naheliegend, wenn das gesetzte Ziel der Abbau von Barrieren für taube Menschen ist. Vor der Vorstellung erklärt Regisseur Philip Bartels, dass sich Gehörlose oft an bestimmte Plätze weit vorne setzen müssen, um die Gebärden der Dolmetscherin zu erkennen. Falls es eine solche überhaupt gibt. Eine Einschränkung, über die sich viele Menschen ebenfalls nie Gedanken machen. Und die hier nicht vorhanden ist.
Einige der musikalischen Einlagen sind auch mit Bass unterlegt, eine Möglichkeit, um Töne für gehörlose spürbar zu machen.
Spüren
Und als ein winzig kleines Piano auf den Flügel gestellt wird, eskaliert es auf einmal völlig. Wie wild haut Simone Keller auf die Minitasten, und im Zuschauerraum fangen die Stühle an zu vibrieren, wie zuvor mit dem Licht im ganzen Raum ist man auf einmal mittendrin statt nur dabei. Immer wieder startet und stoppt sie, bis die Vibration auch von einer Berührung ausgelöst wird. Was sich Schritt für Schritt in eine Art Herzschlag umwandelt. Den sich alle immer mal wieder auch an ihrem Hals erfühlen.
Synthese
Zum Schluss kommen sich alle vier näher, vier Monitore, vier Glühbirnen, vier Herzschläge, vier Darstellerinnen. Ein bisschen cheesy bringt das Finale die vielen Ideen und Konzepte in einer überraschenden Ruhe zusammen.
„Hidden Heartache“ verknüpft Ton mit Bild, Emotion mit Bewegung, Licht mit Krach, Lachen mit Wellen. Und so entsteht etwas. Ein Gefühl, so warm wie das Licht der Glühbirnen.