
Mit ihrem ersten Musiktheaterstück „Isithunzi“, uraufgeführt bei der 20. Münchener Biennale, lädt Monthati Masebe zu einem kulturellen Austausch ein, der Einblicke in die Welt der südafrikanischen Zulu-Kultur verspricht. Die Kombination aus zu wenig Vorwissen und zu vielen musikalischen und erzählenden Elementen macht den Abend herausfordernd.
Von Ola Filippa Florentine Fingerhut
Stell dir vor, dass dich Geister durch dein ganzes Leben begleiten. Nur dass es keine Fremden sind, vor denen man sich fürchten muss, sondern diejenigen, die den Stammbaum deiner Familie vor dir zeichneten. Für die Zulu, die größte ethnische Gruppe Südafrikas, ist das gelebte Realität. Ihre Verstorbenen sind für sie keine Erinnerung, sondern Gegenwart.
Schützend begleiten sie die Menschen durchs Leben und gelten als engste Verbindung zwischen den Lebenden und Gott.
Monthati Masebe – Komponist:in, Klangkünstler:in und Heiler:in – versucht, dieses Gefühl auf die Bühne ihres ersten Musiktheaterstücks zu bringen. Die Inspiration für ihre Musik findet sie in Geschichten. So liegt auch „Isithunzi“ ein Text der südafrikanischen Afrofuturismus-Autorin Shanice Ndlovu zugrunde. Das Wort Isithunzi trägt zwei Bedeutungen: Würde und ein Geist, der für Tod steht, aus dem aber auch Neues entstehen kann. Im deutschen Grundgesetz steht die menschliche Würde an erster Stelle: angeboren und unantastbar. Doch diesen Wert eines jeden Menschen zu begreifen, bleibt oft schwierig. Für die Zulu hat dieses Ungreifbare eine tiefe spirituelle Bedeutung. Es ist das, was die Verstorbenen ausmacht und als Ahnengeister an die Lebenden weitergeben.
Auf der Bühne steht Masebe selbst als Performer:in, Erzähler:in und Energiequelle, die alles Leben hervorbringt. Auch wenn man sie bis kurz vor dem Ende nur als Schatten hinter einem Vorhang erahnen kann, spürt man die Wucht ihrer Stimme: laut, mächtig und präsent. Ihre klassische Klavierausbildung verwebt die Komponist:in in „Isithunzi“ mit südafrikanisch indigenen Klangtechniken. Statt diese zwei Welten voneinander zu trennen, lässt sie sie ineinanderfließen. Doch für diese Vielfalt aus Musik ist die Bühne so klein, dass die erste Reihe
bereits Teil der Geschichte von Ndalo (Carmen Mičić), Thuna (Carla Nahadi Babelegoto) und Amu (Michael Bonganjalo Sattler) zu sein scheint. Kann so viel auf so engem Raum erzählt werden?
Durch das in drei Kapitel (Childhood, Youth und Adulthood) aufgeteilte Stück sehen wir den Protagonist:innen der Geschichte beim Aufwachsen zu. Bis zum zweiten Teil bleibt die Bühne so dunkel, dass das zu Beginn auf dem Boden gespielte Geschehen kaum zu erkennen ist.
Was trotz der Dunkelheit hervorsticht, sind die leuchtenden Gewänder in schimmerndem Blau, in Lila- und Grüntönen, und die mit Schnabelmaske und vogelartig bekrallten Füßen auf der Bühne stehende Fagottistin (Beatrix Lindemann-Friis). Den hinteren Abschluss der Bühne bildet ein beiger Vorhang, der mit lehmähnlichen Brocken bestückt ist und im Verlauf der Inszenierung zur eigentlichen Hauptrequisite wird: als Leinwand für Projektionen von Gewässern und weiten Wiesen, als Zeichen von Frust, wenn Brocken davon abgekratzt werden, und als Grenze zur Geisterwelt, hinter der die Schatten der verbindenden Quelle tanzen. Die Geschichte, die sich vor dem Vorhang abspielt, ist jedoch schwer zu verfolgen, weil man schon früh in diese geheimnisvolle Welt dahinter sehen möchte.
Denn was dort hervorkommt, ist eine Vielzahl unterschiedlicher Klangarten, darunter Live-Elektronik und Kehlkopfgesang, die einen in die fremde und doch neugierig machende Welt hineinziehen. Gegen Ende hin fällt der Vorhang dann so plötzlich, dass man nicht mehr damit gerechnet hat, und gibt den Blick endlich frei in diese andere Welt auf eine weiß glänzende Salzküche, die man hinter all dem Grummeln und den höhlenartigen Geräuschen nicht erwartet hätte. Die Welten der Lebenden und der Geister verschwimmen nun vollständig.
Während Ndalo, Thuna und Amu ihre verstrickten Beziehungen versuchen auszuhandeln – ausgelöst durch Minderheitsgefühle, Egokämpfe, gescheiterte Verantwortung und Machtgier –, tanzen zwei Geister, die wie Therapeuten zwischen den Figuren zu vermitteln scheinen. Dabei schweift der Fokus immer wieder vom Versuch ab, der Geschichte zu folgen und zieht einen stattdessen in die prasselnden Regengeräusche, die durch die tanzenden Geister auf dem lehmähnlichen Material auf dem Bühnenboden erzeugt werden. Denn die Stille, die benötigt würde, um den Gefühlen der Charaktere wirklich nachzuspüren, bleibt durch den in den Vordergrund tretenden Klangkosmos aus.
„Isithunzi“ bringt in Gleichzeitigkeit so viel Neues hervor, dass es ohne Vorwissen schwerfällt, es beim ersten Sehen in seiner Gänze aufzunehmen. Wer sich jedoch im Anschluss mit der Zulu-Kultur und den Ahnengeistern auseinandersetzt, stellt fest: Je tiefer man eintaucht, desto mehr möchte man erfahren. Beim zweiten Anschauen würde man wohl vieles verstehen, was zuvor in den Klangwelten untergegangen ist.