Ready?


Klangwelt Kickern: „FOOSBALL[D]“ von Tempo Reale bei der Münchener Biennale . Foto: Frol Podlesnyi
Klangwelt Kickern: „FOOSBALL[D]“ von Tempo Reale bei der Münchener Biennale . Foto: Frol Podlesnyi

Drei Stunden, drei Tische, ein Ritual: „FOOSBALL[D]“ von Tempo Reale verwischt bei der Münchener Biennale die Grenze zwischen Performance und Kneipenabend. Ob das aufgeht, bleibt spannend bis zum letzten Tor.

Von Ola Filippa Florentine Fingerhut

Acht Stangen, elf Männchen, ein Feld und vier Spieler:innen. Ob aus der Schule, der Kneipe oder von offiziellen Turnieren – dieses Spiel kennen alle. Kickern. Aber was passiert, wenn man versucht, es auf die Bühne der 20. Münchener Biennale zu bringen?

Vor dem offiziellen Anpfiff gibt es eine Einführung. Francesco Giomi, von dem das Konzept stammt, Simone Faraci, verantwortlich für Soundproduktion und Live-Elektronik, sowie Manuela Kerer, eine der beiden künstlerischen Leiterinnen der diesjährigen Münchener Biennale, erzählen von der Entstehung der Performance. Die Wurzel liegt in Bologna: Bei viel Musik, viel Bier und viel Kickern entstand die Frage, was dieses Spiel klanglich so besonders macht, und ob man das auf eine Bühne bringen kann.

Das Publikum betritt den abgedunkelten Raum des Einstein Kultur, der ehemalige Keller einer Brauerei – passend zum Kneipenfeeling. Mittig den langen Raum entlang stehen drei Kickertische in einer Reihe. Warmes Licht fällt auf die Spielfelder, der Rest bleibt abgedunkelt. Manche Besucher:innen setzen sich auf die wenigen Bierbänke, die den Rand säumen. Andere sind mutiger und stellen sich direkt an die Tische und legen los.

An jedem Kickertisch sind Mikrofone befestigt, und auch von oben hängt jeweils eines in Richtung des Spielfeldes. Sie fangen ein, was das Spiel auszeichnet: der Sound von Pässen, Schüssen und Toren, aber auch von Stimmen und Jubeln. Alles wird eingefangen, verarbeitet und über Lautsprecher zurück in den Raum geworfen – eine 360-Grad-Klanglandschaft, die sich mit jeder Partie verändert. Keine Musik, nur die Klänge des Spiels selbst. Das ist die Idee hinter „FOOSBALL[D]“, der Uraufführung des Florentiner Tempo Reale, einem Zentrum für neue Musiktechnologien und elektronische Musik.

Schüsse, Stöhnen, Jubeln, das Kreischen nach einem knappen Ball, alle hallen und widerhallen beim partizipativen Kickern durch den Raum. Fällt ein Tor, kippt das Licht: Die warmen Kegel über den Spielfeldern wechseln kurz in blau-lilafarbene Töne, um das Wohnzimmerspiel in Stadionstimmung zu tauchen, für die auch die Live-Moderatorin Patricia Gabor sorgt. Doch wer mitten im Spiel steckt, nimmt weder Klänge noch Lichtwechsel wirklich wahr. Denn dann steht die Freude im Vordergrund oder auch das Ärgern über die verpasste Chance. Besonders viel Spaß macht es dennoch, wenn man gewinnt, und das auch, weil an jedem Tisch ein Buzzer angebracht ist, der beim Draufhauen des Gewinnerteams Jubeln, Klatschen und Lichtspiele auslöst.

Dann laufen die Profis ein, das Publikum weicht zurück, der Lichtkegel verengt sich auf den mittleren Tisch. Handschuhe werden angezogen, Griffbänder um die Stangen gewickelt, dann kurzes Abklatschen. Italien gegen Deutschland. „Ready?“ Und dann Stille. Die Atmosphäre verändert sich. Unter dem Echo der Spielzüge liegt ein dumpfes, fast unheimliches Grollen. Die Schüsse der Weltmeisterinnen und Bundesligisten sind präziser, schneller, taktischer. Anders als bei den Laien gibt es nach einem Tor keine Zeit zum Jubeln, denn das Spiel geht schon wieder weiter.

Auffällig ist jedoch: je länger die Performance, desto leerer der Raum. Viele haben irgendwann genug gesehen, gehört und gespielt. Nach zweieinhalb Stunden sind größtenteils nur noch die Profis und Veranstaltenden übrig. Vielleicht scheitert hier die Idee, dass „FOOSBALL[D]“ wie ein Abend in der Kneipe ist, bei dem jede:r kommen und gehen kann, wie er oder sie Lust hat. Vielleicht ist aber auch gar nicht die Idee gescheitert, sondern nur die Art, wie sie präsentiert wurde.

Aber die Frage, die bleibt, lässt sich nicht so einfach wegkicken: Was genau macht eine Performance zu einer Performance, wenn man selbst beim Spielen die Klangaktion ausblendet und der Fokus dann doch nur noch auf dem Spiel liegt? Vielleicht ist es aber auch genau das, was diese Performance ausmacht: dass es das Spielen hervorhebt,

Menschen zusammenbringt und Freude verbreitet. Am besten vielleicht dann doch so, wie die Idee selbst entstand: mit viel Musik, viel Bier und viel Kickern.




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert